Lautes Spektakel, großer Sport, viel Show und ein paar Schwachköpfe

Allerorts ist zu vernehmen, dass dieses Jahr für den Boxsport ein gutes war. Das kann man so sehen. Das Geschäft läuft gut. Das Geld fließt. Die Einschaltquoten und Pay-Per-Views stimmen. Neue Stars kommen. Alte sind gegangen. Andere haben enttäuscht oder überrascht. Aus deutscher Sicht war es vielleicht nicht das beste Jahr, aber das hatte auch keiner wirklich erwartet. Die “Generation Plastiktüte” ist Geschichte, Bauer und Feigenbutz treten ein bisschen auf der Stelle und bis Talente wie Wanik Awdijan und andere bei der Weltspitze anklopfen dürfen dauert es wohl noch eine Weile. Und über Mario Daser reden wir nicht. Bei den Frauen sieht es da mit Hammer, Meinke, Kaiser & Co. schon etwas besser aus. Aber jetzt kümmern wir uns ersteinmal um die großen und wichtigen Kämpfe und die Highlights des Jahres 2017. Here we go!


HAYE VS. BELLEW

Fast hätte uns dieses Jahr auch noch das Rematch gebracht. Doch darauf werden wir jetzt verletzungsbedingt noch ein bisschen warten müssen. Doch bereits der erste Kampf zwischen David Haye und Tony Bellew im März diesen Jahres war großer Boxsport. Ein intensiv und auf Augenhöhe geführter Kampf, in dem sich beide nichts schenkten und in dem Tony Bellew zeigte, dass er im Schwergewicht durchaus mitreden und wahrscheinlich sogar mehr als nur einem Joseph Parker gefährlich werden kann. Wir sind 2018 Team Bellew.

Und by the way: Nicht nur dass Bellew ein toller, flexibler und leidenschaftlicher Boxer ist, zudem ist er zur Zeit auch einer der angenehmsten und bodenständigsten Protagonisten in diesem Sport und ein wohltuender Gegenpol zu dem zelebrierten Großkotzalarm von McGregor, Mayweather oder einem gewissen Deontay Wilder. Watch this:



JOSHUA VS. KLITSCHKO

Wembley. 90.000 Zuschauer. Zwischen Anthony Joshua und Wladimir Klitschko geht es hin und her. Joshua scheint jedoch der stärkere Mann. Doch dann zeigt Klitschko seinen vielleicht besten Kampf und bringt den zur Zeit das Schergewicht dominierenden Engländer an den Rand einer Niederlage. Aber Joshua kämpft sich zurück und schickt den Ukrainer letztendlich krachend auf die Bretter. Mit Wladimir Klitschko verabschiedete sich in dieser Nacht ein Champ für immer aus dem Ring. Ob jetzt die Stagnation im deutschen Schwergewicht aufhört, weiß man leider nicht. Für einen Boxer wie Tom Schwarz sind Joshua, Wilder oder Parker noch lange nicht in Schlagweite.

An der Stelle muss gesagt werden, dass sich die bis dahin ungeschlagene Berlinerin Nina Meinke auf der Undercard dieses Kampf der ebenfalls ungeschlagenen Olympiasiegerin Katie Taylor stellte. Zwar unterlag sie und hatte der Engländern am Ende nicht viel entgegenzusetzen, doch den Mut zu haben einen solchen Kampf, im Rahmen eines solch historischen Boxevents, anzunehmen, wird sich auszahlen. Eine Niederlage hat noch nie das Karriereaus bedeutet und bei Meinke scheint es, als hat die Nacht von Wembley sie zusätzlich und nochmals ganz anders und neu motiviert. 2018 wird von Nina Meinke einiges zu erwarten sein.

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CARTWRIGHT VS. MEISER

Anfang Mai ging es für das TEAM ICH BOXE nach Leeds, wo die beiden ungeschlagenen Youth-Champions von IBF und WBO im Mittelgewicht, Reece Cartwright und Jan Meiser, im Ring aufeinander trafen. Es wurde ein kleines Debakel und der Ringrichter musste den Kampf in der vierten Runde abbrechen. Wie es mit Jan weitergeht werden wir 2018 sehen und weiter erzählen. Nach wie vor ist Jan eines der größten deutschen Talente im seiner Gewichtsklasse

MAYWEATHER VS. MCGREGOR

Es war so ähnlich, als ob der Arschbombenweltmeister bei den Olympischen Turmspringern mitmacht. Und so sah man zwischen dem Boxsportler und dem MMA-Kämpfer einen einseitigen Kampf, in dem Mayweather sich Mühe geben musste, seinen Kontrahenten nicht schon früher auf die Bretter zu schicken, als es das Drehbuch wahrscheinlich vorsah. Hoffen wir, dass es zu keiner Neuauflage dieses Duells kommen wird und McGregor in das Oktagon zurückkehrt und da auch bleibt. Amen.

CANELO VS. GGG

Wahrscheinlich hatte man sich dann doch mehr erwartet von diesem, dem eigentlichen Kampf des Jahres. Pay-Per-View-Boxing vom Feinsten in der wohl zur Zeit attraktivsten Gewichtsklasse, dem Mittelgewicht. So war es, ohne Zweifel, ein guter Kampf, zuweilen sogar spektakulär.Doch irgendwie wollte sich nach dem Kampf und Split-Draw-Entscheidung keine Zufriedenheit einstellen. In einer wirklich fairen Boxwelt hätte Golovkin den Ring wahrscheinlich als Sieger verlassen, doch bei einem Kampf wie diesen, geprägt von in sich gefestigten Boxern und extrem hoher boxerischer Qualität und keinem eindeutigen Niederschlag, kann man geteilter Meinung sein. Ob ein Rematch uns allen dann endlich Befriedigung schenkt, werden wir mit ziemlicher Sicherheit im nächsten Jahr erfahren.



BÖSEL VS. MURAT

Das hatten sich im Juli alle Beteiligten auf Dominic Bösels Seite etwas anders vorgestellt. Erst den EM-Titel und dann die Welt. Doch der technisch bessere Bösel verlor sich im Kampf gegen Karo Murat zunehmends ohne Not in Apathie und Ideenlosigkeit und wurde am Ende dafür böse bestraft. Das bereits für diesen Dezember geplante Rematch, dass man sich vorsorglich wohl im Vorfeld garantieren ließ, platzte aufgrund einer Verletzung Bösels. Ob es dazu wirklich noch kommt, weiß aktuell keiner. Doch mit beiden Boxern wird 2018 zu rechnen sein. Murat ist im Zenit seiner Karriere unberechenbar und hat nichts zu verlieren. Bösel ist weiter auf dem Sprung in die absolute Weltspitze. Manchmal ist es eine Niederlage, die einen Boxer mental weiter und schließlich ganz nach Oben bringt. Sympathisch sind sie ja beide..



EUBANK VS. YILDIRIM

Im Oktober ging es in Stuttgart zwischen dem Briten Chris Eubank Jr. und dem hochgehandelten Türken Avni Yildirim um den Einzug ins Halbfinale im Supermittelgewicht der Muhammad Ali Trophy. Doch während dieses von den Sauerland Bros Kalle und Nisse initiierte Turnier insgesamt Werbung für den Boxsport macht, wurde die Pressekonferenz zum Fremdschäm-Desaster. Die hier zu sehende Entgleisung von Yildirims Manager und Promoter Ahmet Öner war dabei der Höhepunkt.

Was dann folgte war dieser unglaubliche Knockout-Punch von Eubank in der vierten Runde, mit dem der stilsichere, englische Boxer für das erste wirkliche Ausrufezeichen bei der Ali-Trophy setzte. Im Halbfinale wartet nun Landsmann George Groves. Für die Insel ein weiteres Box-Highlight.



LOMACHENKO VS. RIGONDEAUX

Nominell gab es so einen hochwertigen Kampf noch nie: Mit Vasyl Lomchenko und Guillermo Rigondeaux standen sich im Dezember zwei ehemalige Doppel-Olympiasieger im Ring gegenüber. Doch mit nur 3 Runden in den den vergangen zwei Jahren, die der Kubaner “Rigo” im Ring stand und zwei Gewichtsklassen, die er für diesen Kampf aufsteigen musste, war der 8 Jahre jüngere Ausnahmeathlet gegen den ukrainischen Superstar machtlos.



SAUNDERS VS. LEMIEUX

Man muss ihn und seine Sippschaft, in der schon der jüngste Spross auf Krawall gebürstet ist, nicht mögen. Sie sind rotzig und roh. Doch sich als aktueller Weltmeister im Kanada einem starken kanadischen Ex-Champion und Herausforderer zu stellen, beweist eine Menge Zuversicht und Mut. Und nicht nur das: Billy Joe Saunders hat dem sympathischen Lemieux nicht den Hauch einer Chance gelassen und sich mit diesem Sieg mehr als empfohlen, gegen die anderen Weltmeister zu boxen. Unterschätzen sollten ihn weder Golovkin noch Canelo. Ob es zu einem der Duelle kommt ist fraglich, aber wünschenswert. Bei allen drei Boxern kann es nur um Titelvereinigungen gehen (oder natürlich um Geld).



UND SONST

Bei den Amateurweltmeisterschaften in Hamburg gab es wenig wirkliche Talente zu beobachten, dafür einige teils sehr krude Punktwertungen. Die deutsche Boxszene hat im Fall Eddy Gutknecht gezeigt, dass sie zusammenstehen kann und einen Boxer wie Gutknecht nicht vergißt. Die Muhammad Ali Trophy ist ein schöner Versuch, sportliche Relevanz zu erzeugen und verspricht für das kommende Jahr spannende Kämpfe. Den BOXPODCAST sollten mehr Leute hören. DER MDR kann Fightnights. Schachboxen ohne Ben Becker als Ringrichter wäre besser. Und zu guter Letzt konnte sich Verena Kaiser im November den Titel der WIBF holen und steht in der unabhängigen Weltrangliste von BoxRec zum Jahresende auf Platz 8. Und wenn wir jetzt schonmal bei einem der Hauptanliegen von ICH BOXE sind, dem Frauenboxen, würde ich Euch allen für die Feiertage noch diesen Text aus dem April von Kerstin Grether aus DIE ZEIT ans Herz legen.

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Der Typ der hinter Verena den Gürtel hochhält, das bin übrigens ich. Und ich wünsche allen einen guten Rutsch ins neue Jahr 2018, von dem wir in einem Jahr hoffentlich sagen können: “Allerorts ist zu vernehmen, dass dieses Jahr für den Boxsport ein gutes war.”

Danke für Vertrauen, Support, Freundschaft, Hilfe und Zeit an Jan Meiser, Verena Kaiser, BEN LEE, Specter Berlin, Rick Manners, Armond, Josef Dube, Alex Keiner, Nabil Atassi, HELL YES, Lena Adam und the one and only Charlie Podehl. Und natürlich an Monika Wehlers, die mit mir das alles hier macht.

(JF)

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