Chuck Norris kaut Bienen – Warum es Kampfsportler in die Berge zieht

Verliere nie den Rest deiner Kindheit, das Lockere. Dann nämlich gehören die Berge dir, sonst gehörst du ihnen. 
(Hans Kammerlander)

Es dürfte nicht allzu oft vorkommen, dass sich ein aus Film und Fernsehen bekannter Kampfkünstler wie Mathis Landwehr auf eine neblige Alp im Spätherbst verirrt. Doch Mathis und ich sind seit Jahren befreundet und ich freue mich über diesen Besuch, auch wenn er für uns mit Arbeit verbunden sein wird.

Als ich ihn und das Team gegen Abend von der Gondelbahn abhole, sieht man ihm die lange Fahrt von Zürich ins tiefste Wallis nicht an. Wie immer strahlt er eine unglaubliche Lässigkeit aus, und trotz eines grippalen Infekts hilft er beim Ausladen einer Extra-Gondel voller Gepäck. Star-Allüren kennt der Mann nicht, den die Rolle als Kung-Fu-Mönch Lasko weltberühmt gemacht hat. Im Gegenteil, er ist der kameradschaftlichste Mensch, den ich kenne. Daher hat er einem Treffen mit einen zwölfjährigen Fan aus dem Tal zugestimmt. Ich kenne Mischa von der Belalp und habe ihn eingeladen, seinen Helden einmal persönlich kennenzulernen. Um unser Treffen zu dokumentieren, hat sich auch die chinesische Fotografin Weina Zhang Venetz dem Team angeschlossen. Wir wollen gemeinsam einen Trailer für einen Abenteuerfilm produzieren, an dem wir schon lange arbeiten.

Obwohl Mathis nicht zum ersten Mal in den Bergen ist, staunt er nicht schlecht über die Aussicht von der Terrasse. Es ist schon fast dunkel, doch die aus dem Rhônetal herauf glitzernden Städte lassen erahnen, wie hoch wir hier sind.

„Das muss Wahnsinn sein, hier jeden Morgen aufzuwachen. Ein Traum, Mann, ein Traum…“ Der Genius Loci hat Mathis willkommen geheißen. Und er denkt bereits laut darüber nach, hier auf der Alp ein Sommer-Trainingscamp einzurichten.

In den letzten zwei Jahren hatte unser „lärchiges Haus“ – wie es die Einheimischen nennen – schon einiges an Gästen gesehen, aber keiner setzte meinem alten Sandsack draußen unter dem Balkon dermaßen zu wie Mathis. Er lebt seinen Sport mit unglaublicher Leidenschaft, und seit einigen Jahren kam noch eine neue Liebe hinzu: Bergsteigen. Daran bin ich vielleicht nicht ganz unschuldig. Alles, was ich aus meiner Zeit als aktiver Bergsteiger weiß, habe ich Mathis im Laufe der Jahre erzählt: Die Faszination der körperlichen Grenzerfahrung, die einzigartige Begegnung mit der Natur, das Ausloten der Kräfte, die Einsamkeit, und die Marotten der Sonderlinge, denen man begegnet, die ihre Zahnbürste auf Streichholzlänge kürzen um Gewicht loszuwerden. Und heute arbeiten wir an einem Spielfilm, der Martial Arts mit dem Abenteuer des Bergsteigens verbindet: Eine anspruchsvolle Rolle, in die Mathis mit viel Seelenarbeit und Geduld hineingewachsen ist, die er verinnerlicht hat, und die sich ebenso in seiner Physis zeigt.

Der Film, das Bergsteigen, die Kampfkunst, das sind unsere gemeinsamen Themen. In allen dreien geht es um deep play, eine tief innerlich motivierte Tätigkeit, eine existenzielle Erfahrung und die Möglichkeit, in eine erweiterte Identität einzutauchen. Sinnloses Gipfelsammeln Sensationsgelüste sind am Berg völlig zweitrangig. Schon gar nicht geht es darum, eine von Fixseilen und Bohrhaken abhängende „Heldentat“ zu vollbringen; wer den echten Härtetest der Berge bestanden hat, weiß, wie viel er Fortuna verdankt. Der Berg bestimmt, weil er sich trotz aller technischen Hilfsmittel dieser Welt einer klaren Berechnung entzieht.

„K1 oder K2 – ob du ein Kampfkunst-Turnier bestehst oder den Killer Mountain besteigst, ich glaube, bei beidem prüfst du dich intensiv, begegnest dir auf einer ganz tiefen Ebene. Für mich ist Kampfkunst ein nie endendes Selbsterforschen“, meint Mathis, während wir abends am Lagerfeuer sitzen. „Ohne dich selbst, ohne den Menschen, bleibt Bushido[1] nur ein Wort. In der Kampfkunst geht es darum, sich selbst immer wieder auf die Probe zu stellen. Die Bereitschaft, der Mut es zu tun, zählen.“ Er lächelt und stochert mit einem Ast in der Glut. „Oder wie sagte der gute Mr. Miagi immer so schön: Verlieren gegen Gegner – okay! Verlieren gegen Angst – nicht okay!“

Die Anspielung auf Pat Moritas Rolle in „Karate Kid“ war mir geläufig, ich hatte den Film als Jugendlicher gesehen, der Spruch war unter den Straßenjungs meines Viertels fast legendär. Und es stimmt: Wer zu viel Angst hat, dem dürfte die beste Kondition und Ausrüstung in einem tagelang anhaltenden Eissturm nichts nützen. Angst lähmt, engt ein, kostete Unmengen Energie. In Höhen von mehr als 4000 Meter zehrt der Berg einen ohnehin aus. Was zuletzt zählt, sind die psychischen Widerstandskräfte, die einen befähigen, mehr zu ertragen. Mitten im Kampf mit den Naturgewalten muss man auch ausharren können, denn Abkürzungen in den Bergen bringen einen – so die Bergsteigerlegende Leslie Stephen – „auf den nächstgelegenen Friedhof.“ Unsere geheimsten Überzeugungen, ob wir gewinnen können oder nicht, ob wir aus dem richtigen Holz geschnitzt sind, um eine Situation zu überstehen oder uns selbst etwas vorgemacht haben, in einer extremen Situation am Berg kommen sie, so unansehnlich sie auch sein mögen, ans Licht. Das Sich-Messen mit dem Berg oder einem überlegenen Gegner im Ring, beides zeigt uns die Wahrheit über uns selbst. Was hält einer aus, der es nicht mehr aushalten kann? Wann lässt er los? Wann verliert er den Glauben an sich selbst und die Sache? Hier oben wird man nur finden, was man selbst in sich hatte. Die Berge spielen die Rolle von steinernen Lügendetektoren. Sie sind unbestechlich, stellen jeden von uns auf eine knallharte Probe.

Genau wie im Kung Fu. Der Name kommt bekanntlich vom chinesischen gongfu, was wörtlich übersetzt „harte Arbeit” bedeutet. Es heißt auch, Kung Fu verlange von seinen Schülern „viel Bitteres schlucken“ zu können. Damit sind Übungen gemeint, die den Körper abhärten, belastbar und ausdauernd machen. Wer Mathis zusieht, wie er mit bloßem Oberkörper bei Null Grad am Sandsack trainiert, der ahnt schnell, was das bedeuteten kann – auch für den Sandsack. „Chuck Norris kauft keinen Honig“, frotzelte mal mein Freund Martial Martin, „der kaut Bienen! Das ist nach seinem Geschmack.“

Auch Mathis scheint mir jemand zu sein, der die unbequemen Wahrheiten im Ursprünglichen sucht – den Stachel im Honig.

Ich frage ihn, was ihn eigentlich am „steinigen Weg“ des Kung Fu fasziniert. Er muss nicht lange überlegen, bevor er sagt: „Ich glaube, Bushido wie Bergsteigen verlangen völlige Hingabe, Demut, Geduld und Ehrlichkeit, an erster Stelle sich selbst gegenüber. Nur dadurch wird man besser.“

Der Bergpionier John Tyndall wird übrigens ähnlich zitiert.

Er meinte sogar, man kehre „veredelt, als klügerer und stärkerer Mensch von den Abgründen der Alpen nach Hause zurück.“

Genau das scheint in diesem Moment ratsam zu sein, – zurückzukehren ins warme Haus, denn eine eiskalte Nebelsuppe schiebt sich an unser prasselndes Lagerfeuer heran. Und es regnet.

Der nächste Tag dagegen ist ein sonniger Tag und es wird vor der Kulisse der Fußhörner, nicht weit vom Aletschgletscher, gedreht.

Dem Kameramann Jalaludin Trautmann gelingen eindrucksvolle Aufnahmen von Mathis als Gebirgsguerilla Luk Drach. Sascha Girndt, unser Producer vor Ort, hat wirklich an alles gedacht, Styling, Licht, Kostüm – alles funktioniert, und so gewinnt die fiktive Figur stets mehr an Präsenz. Es ist ein Erlebnis für mich zu sehen, wie aus meinen Kritzeleien mit Bleistift und Kuli eine ganz andere Wirklichkeit entsteht: Da sitzt er also, der Held meiner schlaflosen Nächte und schleift die Frontalspitzzacken seiner Steigeisen ein. In diesem Moment fühle ich mich wie ein Geist, der in einer Zwischenwelt schwebt.

Die nächste Szene entwickelt sich fast wie von selbst. Mathis hat sich offenbar die entscheidenden Fragen gestellt: Wie sieht so ein Kerl eigentlich aus, der permanent der Höhensonne ausgesetzt ist und mit einem Kalorienminimum über die Runden kommen muss? Wahrscheinlich wäre er federleicht, sehnig und irgendwie auch muskulös. Doch wie könnte er am Rande der Todeszone trainieren, im K2-Basislager, meilenweit von jeder Mucki-Bude entfernt?

Fragen über Fragen. Das Haus in den Bergen ist ein idealer Ort, um Pläne zu schmieden, aber auch um Antworten zu finden. Wieder einmal bewahrheitet sich, in der Ruhe liegt die Kraft. Das Team genießt sichtlich die Zeit, selbst wenn der Weg zu den einzelnen Drehorten aus jedem von uns einen Packesel macht. Obwohl es Filmleute sind, habe ich den Eindruck, unter echten Bergkameraden zu sein. Alle packen mit an. Und freuen sich abends über Gerdas Hirschgulasch in Backpflaumensoße.

Der nächste Nachmittag gehört der Fotografin Weina Zhang Venetz, die Mathis und mich mit bezaubernder Leichtigkeit durch einen in Nebelschwaden getauchten Wald dirigiert. Aus dem Garten der sommerlichen Freude ist inzwischen ein größerer Garten der Wehmut geworden. Und es ist bitterkalt. Ich hoffe, dass Mathis nicht noch kränker wird, als er schon ist. Aber der „Kung-Fu-Man“ scheint unverwüstlich zu sein. Ein vom Unterholz überwucherter Vita-Parcours, dessen Geräte teils schon verwittert sind, bringt uns auf die Idee, ein spezielles Trainingsprogramm für Luk Drach zu entwickeln. Ein Work-out mit Steinen, warum nicht? Aber auch Klettern und yogisches breath walking könnten helfen, die notwendige außergewöhnliche Physis für die Leinwand zu schaffen.

Während wir angeregt fantasieren und planen, macht Weina ihre Porträts von Mathis. Zum Spaß hole ich noch meine Katanas und so, als Waffenbrüder und fahrende Samurai, werden wir vor den spukhaft aus dem Nebel ragenden Bäumen verewigt. Na schön, trotz allem glaube ich, es gibt noch größere Kindsköpfe als mich… Allerdings nicht auf dem Aletschplateau.

Wohl oder übel kamen wir an Mathis’ letztem Abend noch auf die „Niederlagen unseres Lebens“ zu sprechen – die sich später dann als Stufen zu größeren Erfolgen darstellten.

Wo der Lebensweg nicht in den heute normal gewordenen Bahnen der Cliquenwirtschaft verläuft, wo niemand Wettbewerbsverzerrung zu unseren Gunsten betreibt und wo der qualitative Unterschied unserer Arbeit einen Konflikt in der bestehenden Hackordnung provoziert, da muss man mit herben Rückschlägen rechnen.

Und wo es um Geld geht und gesellschaftliches Prestige, da verstehen die lieben Säugetierkameraden allemal keinen Spaß. Sicher, man kann das schattige Hundeplätzchen nehmen, das sie einem freundlicherweise zugedacht haben. Man kann sich sagen, das war’s. Doch die bessere Alternative heißt, nach einem Rückschlag aufzustehen und den Weg, den man für den richtigen hält, fortzusetzen.

Man muss allerdings ein Faible für dergleichen haben. Und ein dickes Fell. Um ehrlich zu sein, habe ich mich nie so elend gefühlt wie im Frühjahr 2004, als Teile der staatstragenden Presse versuchten, mich mit allen erdenklichen Mitteln niederzuschreiben, eine regelrechte Rufmordkampagne. Dumm nur die Verantwortlichen, dass die Leser sich nichts vormachen ließen und den inszenierten Kulturvorbehalt gegen mich ignorierten. Das Buch wanderte auf die Bestsellerliste, Auslandsübersetzungen kamen hinzu und ich bekam den Auftrag, ein Drehbuch zu schreiben. Da kann man nur sagen, die Firma dankt.

Es bleibt wohl die Wahrheit der Berge ebenso wie die Quintessenz des Gong Fu: Was nicht tötet, härtet ab. Heute erscheinen mir diese Attacken nur mehr Marginalien zu sein. Kratzer. Verglichen mit den Widerständen, die Mathis in den Weg gelegt wurden, sind sie nicht einmal das.

Mathis’ Karriere ist das Ergebnis eines für „aussichtslos erklärten“ Kampfes gegen Vorurteile und Engstirnigkeit. Bei Redakteuren und Produzenten. Niemand gab ihm zu Anfang auch nur den Hauch einer Chance. ­ Ein junger Deutscher in den Fußstapfen von Bruce Lee? – Wie sollte das gehen? Zwar hatte er Ost- und Südostasien bereist, dort sogar über Jahre gelebt, um von den echten Meistern zu lernen. Doch für das, was er vorhatte, stieß er in Deutschland auf taube Ohren und mutlose Herzen. Er stand buchstäblich allein mit dem Rücken zur Wand, – in den Augen der Kampfkünstlerin Lydia Zijdel gar keine so schlechte Ausgangsposition:

„Eine der Katas im Stil Naihanchi bedeutet buchstäblich: Kämpfen mit dem Rücken zur Wand. Ich habe gelernt, dass auch das Kämpfen mit dem Rücken zur Wand kein aussichtsloses Unternehmen sein muss (…) Es gibt einen Weg vor dir, der dir allein dadurch stärkere Unterstützung bietet, dass du dich nicht umzuschauen brauchst.[2]

Die Wand im Rücken half ihm, seine Energien zu fokussieren. Die Wand vor ihm wurde davon nicht kleiner.

Als er 2005 seinen ersten Spielfilm drehte und wenig später zum Star einer Fernseh-Serie avancierte, wendete sich zwar das Blatt, doch nun machte ihm eine Springsehne in der Schulter schaffen. Ein wohlmeinender Arzt fühlte sich gar zu der Diagnose bemüßigt, Mathis sei physisch am Ende, die Fortsetzung seines Trainings ein Ding der Unmöglichkeit. Das ist nun auch schon wieder einige Jahre – und einige Sportverletzungen mehr – her. Mathis hat auch diese Gegner gemeistert, mit Flexibilität statt Widerstand: „Ohne die Fähigkeit, während eines Vorhabens seine Richtung anzupassen, wird man innerlich starr und somit unbeweglich. Starre Dinge haben die Neigung zu brechen.“

Letzten Endes kommt es überall auf unsere Beweglichkeit an, körperlich und geistig, es kommt darauf an unfassbar zu bleiben, während man selbst die größtmögliche Reichweite hat.

Nachdem das Team am nächsten Morgen abgereist ist, kehrt die Stille zurück. Nur die Ketten des Sandsacks klirren und quietschen noch leise im Wind, während ich im Erdgeschoss das Filmmaterial sichte und mich später mit einem heißen Sherpa-Tee auf die Terrasse begebe. Erst jetzt fällt mich die Müdigkeit an. Pure Erschöpfung. Die Zeit des Abenteuers an Mathis’ Seite ist vorerst vorbei. Für die nächsten Tage ist Schnee angesagt, starker Schneefall sogar, und mir wird klar, wie eng das Zeitfenster war, in dem wir drehten: Wir hatten alles riskiert und gewonnen – und genau so muss es sein.

Ich blicke zu den von der untergehenden Sonne vergoldeten Bergen hinüber, ich weiß jetzt, sie können mich sehen. Und dann – als wäre es das natürlichste auf der Welt – verneige ich mich erstmals in tiefer Demut und sage Danke.

DIE KOMPLETTE STORY GIBT ES IN THOR KUNKELS MEMOIR “WANDERFUL – MEIN NEUES LEBEN IN DEN BERGEN”, EICHBORN, HARDCOVER,  239 SEITEN.

Mathis" Die Faust Gottes" Landwehr an Thor Kunkels Sandsack auf 2000 Meter über dem Meeresspiegel.
Mathis” Die Faust Gottes” Landwehr an Thor Kunkels Sandsack auf 2000 Meter über dem Meeresspiegel.

ISBN: 978-3-8479-0568-4

[1] Bushidō 武士道, jap.: der „Weg des Kriegers“ . Sammelbegriff für Formen der Martial Arts.

[2] Zitat: Lydia Zijdel, eine Kampfkünstlerin, die ihre Kunst im Rollstuhl ausübt

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