Immer auf der Suche nach einer guten Gegnerin. Über Verena Kaiser und das Frauenboxen an sich

Verena Kaiser macht es sich als Sportlerin nicht einfach: Sie ist Profiboxerin. Und ihre Statistik ist makellos. Acht Kämpfe. Acht Siege. Fünf davon vorzeitig. Sie hätte gerne bessere Gegnerinnen geboxt, um sich als beste Deutsche bis auf Platz 12 der sich als unabhängig gebenden Weltrangliste von BoxRec zu kämpfen. Aber so ist das. Gute Gegnerinnen sind rar. Oder teuer. Vor zwei Wochen hätte Verena Kaiser wieder boxen sollen. Gegnerin und Ort standen fest. Die Drähte waren heiß gelaufen. Es wird ja gerne und lange geredet in der Branche. Alles war klar. Es sollte ein WBO-Elimination-Fight werden.

Das bedeutet, die Siegerin hätte gegen die zur Zeit wohl bekannteste und erfolgreichste Boxerin antreten können, gegen die Norwergerin Cecilia Braekhus, die eigentlich alle wesentlichen Gürtel und Weltmeistertitel des Frauenboxens auf sich vereint. Braekhus muss sich noch in diesem Jahr einer Pflichtverteidigung stellen. Für Verena Kaiser der einzig konsequente Schritt, sich mittelfristig mit den besten Boxerinnen messen zu wollen. Dafür wird auch mal die Gewichtsklasse gewechselt. Es ist schwer genug im Frauenboxen gute Gegnerinnen zu finden.

Und bietet sich dann doch eine solche Chance wird auf Gage verzichtet, werden Klausuren nachgeschrieben und man fährt auf eigene Kosten ins Trainingslager, um sich den letzten Schliff zu holen, sich fernab von Zuhause, Freunden und Uni, fernab von Alltag, Ablenkung und privaten Problemen auf das einzige Ziel zu konzentrieren: Den Sieg bei diesem Kampf.

„Für so eine Chance arbeite und trainiere ich jeden Tag. Johannes und ICH BOXE in Berlin boten mir das ideale Umfeld, um mich für den Kampf fit zu machen. 10 Tage lang trainierte ich und focusierte mich auf meine Gegnerin und den Kampf. Und das mit Erfolg! Ich fühlte mich gut und siegessicher. Vier Tage vorher die endgültige Nachricht: Der Kampf ist abgesagt.“



Warum der Kampf abgesagt wurde ist leider nicht ganz klar. Vielleicht hat die Gegnerin kalte Füße bekommen. Oder der Promoter. Oder die WBO hat trotz der Zusicherung des Veranstalters, der bis zum Kampfdatum noch mit Verena Kaiser und der WBO-Elimination auf Facebook die Veranstaltung bewarb (so wie übrigens auch der BDB), dem Kampf in der Form nicht zugestimmt hat, weil die Gegnerin, die mit 13 Siegen (davon 11 durch K.O.) zwar noch ungeschlagen ist, aber aufgrund einer einjährigen Kampfpause kein Ranking aufweisen kann. Vielleicht war es auch ganz anders. Es wird Gründe gegeben haben, warum Verena Kaiser kein Vertrag für diesen Kampf vorgelegt wurde. Manchmal ist Vertrauen das Letzte was einem bleibt.

Wie auch immer, Leidtragende dieser Spielchen von und zwischen Verbänden, Promotern und Managern waren in diesem Falle die Boxerin Verena Kaiser und das Frauenboxen an sich. Babei ist es nicht so, dass das Frauenboxen mit einer großen Glaubwürdigkeit gesegnet ist. Zu Oft wird das Umfeld von Boxerinnen von falschen Ambitionen und Erwartungen bewegt. Oder ist schlicht unprofessionell. Profioxerinnen haben noch weniger Lobby als ihre männlichen Kollegen. Rankings entstehen durch Beliebigkeit, fehlende sportliche Gleichwertigkeit bei der Auswahl der Gegnerinnen oder dem Mangel an Boxerinnen an sich. Mit der Notwendigkeit eines eigenen Narratives des Frauenboxens setzen wir uns bei ICH BOXE von Beginn an auseinander. Zuletzt schrieb Kerstin Grether, inspiriert von ihrem Gastbeitrag für ICH BOXE, darüber in DIE ZEIT. Aber aller Anfang ist ja bekanntlich schwer.

Verena Kaiser hat sich in einer heißen Phase ihres Sport- und Sportwissenschaften-Studiums und kurz nach der Trennung von ihrem Trainer und Lebensgefährten kurzfristig für ein Trainingslager in Berlin entschieden. Etwas, das in Vorbereitung auf einen solchen Kampf eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Sie kam auf Einladung und eigene Faust. Ohne finanzielle Unterstützung. Ohne die Mögliichkeit bei einem Sponsor kurzfristig Mittel abzurufen, egal ob finanzieller Art oder in Form von Ausstattung. Aber mit dem Support, den wir mit ICH BOXE leisten konnten. Das war nicht viel. Ein Zimmer. Ein paar Packen Müsli und Milch. Eine Laufstrecke, eine Gym, einen Trainer, Sparring und Gespräche. Manchmal hilft es, wenn man jemandem zuhört. Wir haben das getan. Daher danke an Detlef Kumm und Charlie Podehl, die ebenso kurzfristig da waren und mithalfen, dass Verena sich eingeladen fühlte und sich vorbereiten konnte. Wir haben in dieser Zeit eine Vertrauensgrundlage geschaffen, die es möglich macht auf Augenhöhe zu reden. Die Absage war traurig. Die Art und Weise wie sie zustande kam und kommuniziert wurde ist das eigentlich traurige.

„Ob letztendlich meine Gegnerin einfach keine Lust auf eine NIederlage hatte oder Korruption in Verbänden schuld am Ausfall des Kampfes war werde ich wohl nie erfahren. Wahrscheinlich gab es irgendwo mehr mit dem Prädikat eines WBO-Elimination-Fights zu verdienen. Ich hätte in jedem Fall gegen sie gekämpft.“



Zuletzt gab es in Berlin ein Sparring mit Verena Kaiser und Nina Meinke, bei dessen Betrachtung sich erahnen lassen konnte, wie viele neue sportliche Facetten und mediale Impulse das Frauenboxen dem Profiboxsport in Deutschland geben könnte. Es wird daher höchste Zeit, dass sich neue Allianzen bilden, nicht nur zwischen Amateur- und Profiboxen, sondern auch zwischen Sport, Popkultur und feministischen Diskurs, zwischen Menschen, die Geschichten erzählen können und wollen und solchen, die sich dem Sport verschrieben haben, sowie zwischen Presse, Sportlerinnen und Fans. Sportliche Interessen und Relevanz muss in den Vordergrund treten und alle müssen sich mal gemeinsam von diesem Paradigma verabschieden, dass sich das Frauenboxen stets als Imitat eines sich notwendigen Reformen verweigernden, von männlicher Machtstruktur geprägten und durch und durch korrupten Milieus verstehen muss. Vielmehr geht es darum, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass eine neue Generation das Frauenboxen neu definieren könnte.

Text: Johannes Finke
Photos: Sarah Berger

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