Rückblick: Pulew vs. Chisora, Hamburg, 7. Mai

Vergangenen Freitag standen sich bei einem internen Sauerland-Stall-Duell in der Barclay Arena in Hamburg der Bulgare Kubrat Pulew und der Engländer Dereck Chisora gegenüber. Ein zu Recht mit Spannung erwartetes Duell zweier Schwergewichtler, für die dieser Kampf mehr als eine Orientierungshilfe sein sollte. Hier ging es um die Zukunft zweier Boxer-Karrieren.

Während Pulew sich über die lautstarke und leidenschaftliche Unterstützung tausender Bulgaren, zum Teil sich solidarisch entblößend, freuen konnte, waren, in der von Sat1 und Sauerland perfekt konizipierten Halle, englische Fans Mangelware. Genau genommen waren keine da. Vielleicht funktioniert ein Bad-Boy-Image ja in den sozialen Netzwerken. In Hamburg war Dereck Chisora fast ganz allein.

Einer der wenigen, von der Insel angereisten Zuschauer am Ring, war Schwergewichtsweltmeister Tyson Fury. Der machte ein bisschen Wirbel und Werbung für sein Rematch gegen Vladimir Klitschko am 9. Juli in Manchester und prognostizierte einen Sieg Chisoras in der 11. Runde durch K.O..

Im Vorfeld des Kampfes gab es das übliche Geplänkel: Aus der Gefolgschaft Pulews heraus landete während des offiziellen Wiegens eine Plastikflasche auf Chisoras Kopf. Der revanchierte sich mit einem Video, in dem er einen schwarzen Riesendildo zeigte, den er Pulew nach dem Kampf schenken wolle. Alles in allem aber nicht mehr und weniger als die übliche, gern gesehene Show, in der die Rollen klar verteilt werden. Das Profiboxen lebt auch davon. In diesem Fall hatte man jedoch spätestens mit dem ersten Gong den Eindruck, dass Pulew durchaus Motivation aus einer echten Ablehnung gegenüber Chisora gewonnen hatte. Kann Kräfte freisetzen, so eine persönliche Ebene. So ein schwarzer Dildo.

Zum Kampf: Angesetzt war er auf 12 Runden. Geboxt wurde um den vakanten Titel des Europameisters nach Version der EBU. In den ersten zwei Runden erteilte Pulew dem chancenlos wirkenden Chisora eine Lehrstunde. Mit der langen Linken kontrollierte die Kobra aus Sofia den überforderten Engländer, mit der Rechten setzte Pulew regelmäßig und konsequent nach, der feine linke Jab ergänzte das Ensemble ambitionierter und in steter Vorwärtsbewegung vorgetragener Schläge und Kombinationen.

Mit zunehmender Dauer wurde der Kampf jedoch schmutziger. Die vielleicht zu lockere Kampfführung unter dem größtenteils überforderten Ringrichters trug ihren Teil dazu bei, dass sich beide immer öfter ineinander verkeilten. Das war harter und intensiver Nahkampf, aber nicht immer schön anzuschauen. Pulew blieb jedoch seinem Matchplan treu, kontrollierte den Kampf, versuchte Chisora zu stellen, was ihm immer regemlmäßiger gelang, und suchte immer konsequenter und zielstrebiger den Knockout – dem er deutlich näher war, als Chisora dem Lucky Punch. Schlussendlich ein verdienter und souveräner Sieger nach Punkten, auch wenn mit einer bizarren 115:113-Wertung für Chisora ein Schweizer Punktrichter mal wieder den Beweis erbrachte, dass Profiboxen seinen eigenen Regeln folgt. Sauerland forderte ob dieser unverständlichen Wertung verständlicherweise Konsequenzen. Will der Boxsport ernstgenommen werden, darf es das nicht geben.

Nach diesem Kampf bleibt dem enttäuschenden Chisora jetzt das dotierte Preisboxen. Ein Rüpel-Image funktioniert auf Dauer nur mit Leistung. Pulew dagegen kann sich Hoffnung machen irgendwann gegen Anthony Joshua zu boxen, dem aktuellen IBF-Weltmeister. Mit Joshua, dem Klitschko und zuletzt auch Tyson Fury aus dem Weg gingen, würde der vielleicht zur Zeit vielversprechendste Schwergewichtler auf Pulew warten. Bis dahin muss die Kobra aber noch an Kondition, der Konsequenz im Abschluss und der Deckung arbeiten. Denn trotz seines bis dahin “besten Kampfes seiner Karriere” (Kalle Sauerland) und einer wahnsinnigen Energieleistung, hatte Chisora mit zunehmender Dauer des Kampfes die Möglichkeiten eines Lucky Punches ausgelotet. Nur fehlte dem Briten an diesem Abend die Klasse dazu. Wahrscheinlich fehlt es Chisora insgesamt an Klasse um im Schwergewicht künftig oben mitzumischen. In Pulews Kampfbilanz bleibt die Niederlage gegen Wladimir Klitschko also die bisher einzige.

Text: Johannes Finke
Photo: Sandro Wrembel, Schwergewichtshoffnung aus Hellersdorf, mit dem Iphone.

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