Mixed Martial Arts und Schopenhauer: Die Suche nach Transzendenz

Es ist nie ganz einfach, sich einem derart physischen Vorgang, wie dem Boxen bzw. dem Kampfsport, literarisch zu nähern. Oftmals sind es Poesie, Essay oder historische Abrisse, mit denen sich zwischen zwei Buchdeckeln beschäftigt wird. Sprache für etwas zu finden, dass für einen selbst zumeist unvorstellbar erscheint und das von der Unmittelbarkeit von Gewalt und Selbsterfahrung lebt, ist schwer. Nicht umsonst waren es im wesentlichen Filme, die den Boxsport, das Kickboxen und viele andere Kampfsportarten im narrativen Bewusstsein einer westlichen Popkulturgesellschaft verankert haben. Die Autorin Kerry Howley hat nach drei Jahren Recherche jetzt einen Roman geschrieben, der sich mit dem Phänomen und der Faszination MMA beschäftigt. Zu Boden gegangen ist sie dabei nicht.

Howley wirft ihre Protagonistin, eine Philosophin, die es irgendwie mit Schopenhauer hat, ganz unvermittelt in die archaische Welt der Mixed-Martial Arts-Szene. Kampfsport in seiner zur Zeit, nach dem Profiboxen, medial populärsten Variante. MMA kennt keine stilistischen Grenzen und mutet wesentlich brutaler an, als das Profiboxen. Im wesentlichen ist alles erlaubt, egal ob stehend oder am Boden. Kickboxen, Ringen, rohe Gewalt oder fernöstliche Grundlagen, ganz egal. Gekämpft wird in einem Käfig, dem Oktagon. Es sind die viel-zitierten modernen Gladiatorenkämpfe, brutal und global vermarktet, archaisch inszeniert und in den letzten Jahren beständig am wachsen, egal ob Reichweite, Fangemeinde oder Umsatz. Das liegt natürlich in erster Linie am Produkt: Es ist echt.

“Seit jener Nacht in Des Moines hatte ich das Gefühl in der Falle zu sitzen, ganz meinen niederen biologischen Bedürfnissen ausgeliefert zu sein.”

Buch und Geschichte leben vom Klischee, so wie die MMA-Szene letztendlich auch. Starke Jungs, die auch mal schwach und verletzlich sind. Der Traum vom großen Geld. Hier hat keiner Interesse Geschlechterrollen in Frage zu stellen oder Männlichkeit als Konstrukt zu entlarven. Aber das muss auch nicht sein. Von dieser Diskrepanz zwischen den Ansprüchen einer feministischen Avantgarde, einer sich selbst als aufgeklärt betrachteten, leicht neurotischen Karriereelite und der schlichten Sehnsucht nach sich ursprünglich und unausweichlich anfühlender Erfahrung leben Buch und Geschichte. Mal mehr, mal weniger geschickt verwebt Howley Fiktion und Realität und sucht Wahrhaftigkeit. Haltung und Selbtverständnis sind ihr dabei nicht ganz so wichtig. Es sind Rausch und Extase, die sie immer tiefer eintauchen lässt.

Manchmal ist es Büchern anzumerken, dass Recherche eben nicht ausreicht, um authentisch zu sein. Doch Howley verliert sich nur selten in Fassade. In den besten Passagen von “Geworfen” schafft sie es sogar, der Faszination eine Sprache zu verleihen.

“Alles was wir tun können ist, den Mund in einem gemeinschaftlichen, wortlosen Stöhnen aufzureißen. Wir sind simple Werkzeuge der Wahrnehmung, frei von störendem Intellekt, was uns ein Denken des Körpers erlaubt, das uns nur zugänglich ist, wenn Männer wie Erik uns, für eine einzige, einsame Sekunde, aus uns selbst herausführen.”

Wer Lust auf eine moderne Liebesgeschichte hat, die in der Kulisse des sich selbst suchenden amerikanischen Selbstverständnisses spielt, vom ewigen Aufstieg und Fall des Menschen erzählt und gelegentlich die Tür aufstößt zu größeren und komplexeren Gedankenwelten, wird mit diesem Buch nicht daneben liegen. Wer die Reflexionen einer kritischen Rezipientin dieser Unterhaltungsindustrie, die in Zeiten digitaler Vereinsamung den Urinstinkt monetarisiert und dabei auch nicht vor den Errungenschaften anti-diskriminierender Bewegungen halt macht, erwartet, wird vielleicht etwas enttäuscht sein.

“Geworfen” von Kerry Howley,
erschienen im Ullstein Verlag, , 332 Seiten, 20 EUR

(JF)

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