Muss das sein?

Es gilt mittlerweile eigentlich als gesicherte Tatsache, dass vor gut einem Jahr der Journalist Jamal Khashoggi in der Istanbuler Botschaft Saudi-Arabiens, bei wahrscheinlich lebendigen Leibe, zerstückelt und in Säure aufgelöst wurde. Eine wohl nicht unübliche Vorgehensweise, in diesem Fall wurde sie jedoch publik. Die Täter stammten aus dem direkten Umfeld des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman, was dessen Akzeptanz auf den großen Bühnen der Wirtschaftsforen, der Politik oder des Sports jedoch nicht unbedingt schmälerte. Hey, Frauen dürfen in Saudi-Arabien jetzt alleine Auto fahren.

Am 7. Dezember wird die Boxwelt auf Saudi-Aarabien blicken, genauer gesagt nach Diriyah, wo in einer noch nicht fertig gestellten Halle sich die beiden Schwergewichtsboxer Andy Ruiz jr. und Anthony Joshua zum mit Spannung erwarteten Rückkampf um die Krone im Schwergewichtsboxen im Ring gegenüber stehen werden. Nach dem überraschenden Sieg des Mexikaners Ruiz im ersten Aufeinandertreffen am ersten Juni diesen Jahres im New Yorker Madison Square Garden, fällt eine Prognose schwer. Nicht nur deshalb wird dieses Rematch der wohl größte und beachtetste Kampf des Jahres. Es ist nicht das erste Mal, dass das Profiboxen Station in dem Land macht, in dem nicht nur sehr zweifelhaft mit Menschenrechten umgegangen wird, wenn sie denn überhaupt als solche existieren.

If I don’t do it, someone else will – Eddie Hearn

Abgeschlossen hat diesen 100-Millionen-Deal der englische Promoter Eddie Hearn, der dem Boxen in den letzten Jahren eine notwendige Vitaminspritze verpasst hat und der mittlerweile der aktuell wohl wichtigste Promoter im Profiboxen ist. Und er hat recht, wenn er darauf verweist, dass er beileibe nicht der erste ist, der Saudi-Arabien in jüngster Zeit als Austragungsort für ein sportliches Großereignis ausgewählt hat, darunter unter anderem auch einen Profiboxkampf um eine WM, den Der Spiegel bei seiner sehr gutensport-politischen Betrachtung der Kampfansetzung und den zugrunde liegenden Machtkämpfen innerhalb der saudi-arabischen Führungsriege unterschlug. Im Rahmen der Word Boxing Super Serie um die Muhammad Ali Trophy im Supermittelgewicht kämpften bereits 2018 George Groves und Callum Smith im Wüstenstaat um den Weltmeistertitel der WBA und alle waren happy. Auch deshalb versteht Hearn die Aufregung nicht.

Die Sun fragte auch damals bereits “Why is the World Boxing Super Series final in Saudi Arabia?”, doch die Antworten, die der deutsche Promoter Kalle Sauerland damals lieferte, unterscheiden sich wenig von denen, die man jetzt auch von Eddie Hearn und Joshua Anthony hören kann. Irgendwie geht es darum ‘ein Zeichen zu setzen’ oder auf eine mir sich nicht erschließende Art und Weise das saudi-arabische Selbstbewußtsein zu stärken. Na ja. Boxerische Entwicklungshilfe für einen Markt, bei dessen Erschließung man nicht zu den letzten gehören möchte, das trifft es letztendlich am besten. Bleibt zu hoffen, dass Hearn, wie angekündigt, auch Frauen auf der Undercard boxen läßt. Das wäre ein deutliches Zeichen des Sports, dessen Protagonisten noch immer regelmäßig verstärkt durch homophobe oder sexistische Äußerungen auffallen und der noch zu oft ein Welt- und Familienbild propagiert, dass unserer diversen Realität nicht mehr gerecht wird.

Let’s not kid ourselves, don’t you think any promoter wants to go wherever the most money is for their fighters, and that’s what we’re doing – Eddie Hearn

Ja, es gab sie schon immer, diese fragwürdigen Austragungsorte sportlicher Höhepunkte, Auch im Boxsport. Denken wir nur an den Rumble In The Jungle oder den Thrilla in Manila, als die Diktatoren Mobutu in Zaire bzw. dem Kongo und Marcos auf den Philippinen etwas vom Glitzer der Boxwelt und vom Glanz Muhammad Ali’s abbekommen und von den Missständen und den Unterdrückungsapparaten in ihren jeweiligen Ländern ablenken wollten. Und letztendlich macht es keinen großen Unterschied, ob von autokratisch-politischer Willkür und Unterdrückung oder in der Warenproduktion von katastrophalen Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit, Ausbeutung, der Vernichtung von Ressourcen und der Zerstörung von Umwelt und Ökosystemen abgelenkt werden soll.

Wir hier in Berlin kennen das: Die Olympischen Spiele 1936 waren die Mutter aller sportlichen Propagandaveranstaltungen der Neuzeit und haben damals die Welt in dem Glauben gelassen, dass es um Deutschland nicht so schlecht bestellt sei und das Land in voller Blüte stehe. Und auch heute noch ist die Imagepflege durch Sportveranstaltungen gang und gäbe, so wie zuletzt, als ein Beispiel unter vielen, die Vergabe der Fussballweltmeisterschaft 2022 in den beschaulichen und weltoffenen Wüstenstaat Katar, den direkten Nachbar und Erzfeind Saudi-Arabiens. Doch auch Vladimir Putin gehört zu denen, die sich gern im Glanz internationaler Sportevents sonnen.

We hear they are building the grassroots out there. What boxing has done for the likes of myself, building confidence, this is what boxing is to Saudi Arabia. It’s not just two men coming together to fight – Joshua Anthony

In Saudi-Arabien gibt man sich alle Mühe, der globalen Öffentlichkeit ein Land zu präsentieren, dass sich auf Augenhöhe mit der sogenannten westlichen Welt befindet und will dabei jedoch nicht verstehen, dass diese Augenhöhe keine materielle ist, sondern eine moralische. Seit diesem Jahr macht die Formula E Station in Saudi-Arabien. Im nächsten Jahr soll ein regulärer Formel 1 Grand Prix hinzukommen. Das höchst-dotierte Galopprennen der Welt ist für 2020 in Planung und seit diesem Jahr tragen Meister und Pokalsieger den italienischen Supercup Im Fussball in der saudi-arabischen Hafenstadt Jeddah aus. Amnesty International bezeichnet die Bemühungen des saudischen Königshauses, an deren Spitze Kronprinz Mohammed bin Salman steht, bereits als “Sportwahsing”.

Dass dabei nicht nur positive Aufmerksamkeit entsteht, musste der direkte Nachbar und Zwergstaat Katar bereits auch zur Kenntnis nehmen, Sklavenarbeit kommt im westlichen teil der Welt bekanntlich nicht so gut an. Vielleicht einer der Gründe, warum es bisher zu keinen Olympischen Spielen in der Region gereicht hat. Doch das trübt das Selbstverständnis der Verantwortlichen nicht, so sagte bereits 2012, die Chefin des olympischen Bewerbungskomitees: “Für Doha wird es immer nur eine Frage des ‚Wann‘ bleiben – nicht des ‚Ob‘.” Na dann.

RUIZ VS. JOSHUA – DIE ERSTE PRESSEKONFERENZ

PRESSETOUR SAUDI-ARABIA RUIZ VS. JOSHUA II – Saudi-Arabien, New York, London

(Text von Johannes Finke, Zitate Joshua von BBC 5 live boxing, Zitate Hearn von RingTV)

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