Macht die Augen auf! Nazis im Kampfsport

Im besten Falle ist Kampfsport ein Katalysator, der sportliche Selbsterfahrung mit Erkenntnisgewinn kombiniert. Kämpferin*innen begegnen sich im Ring, im Käfig oder auf der Matte, mit Respekt und auf Augenhöhe. Für Menschen mit rechtsextremer Gesinnung ist Kampfsport jedoch immer auch Grundlage für den politischen und bewaffneten Kampf und Vorbereitung auf einen “Tag X”, an dem die öffentliche Ordnung zusammenbrechen und das Land in einen Bürgerkrieg verfallen soll. Dann will man gewappnet sein.

In den letzten Jahren sind rechte und rechtsextreme Strukturen und Netzwerke im Kampfsport immer sichtbarer geworden. Das liegt nicht nur daran, dass mehr darüber berichtet wird, das liegt auch daran, dass immer mehr Personen innerhalb dieser Strukturen und in diesen Netzwerken agieren. Neonazis aus ganz Europa treffen sich regelmäßig zu Kampfsportveranstaltungen wie dem “Kampf der Nibelungen” und bestärken sich gegenseitig in ihrem Hass auf Minderheiten wie Homosexuelle, PoC, und Jüd*innen. Dabei demonstrieren sie ihre völkische Weltanschauung nicht nur mit subkutanen NS-Insignien, sondern auch mit Klamotten Szene-relevanter Marken, die sich in ihrem Fashion-Gestus auf den ersten Blick nicht groß von den unverdächtigen Branchenführern der Street- und Sportwear-Industrie unterscheiden.

Organisierter Kampf- und Wehrsport ist, neben dem Rotlicht- und Rockermilieu, der Hooliganszene und politischen Gruppen wie den Identitären oder Parteien wie der AfD, ein wichtiger Baustein im Selbstverständnis rechter und rechtsextremer Netzwerke, die international vernetzt agieren und miteinander kommunizieren. In dieser globalen Echokammer entsteht dieses Gedankengemenge, aus dem sich auch Täter wie die der rechtsextremen Anschläge von Christchurch, Halle und Hanau oder des Mordes an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke, ihr wirres Weltbild zusammenbasteln, sich radikalisieren und ihr “Know-How” aneigenen, um solche Taten begehen zu können.

Die Online-Recherche-Plattform Runter von der Matte – Kein Handshake mit Nazis! hat sich zur Aufgabe gemacht, Nazis im Kampfsport sichtbar zu machen und Strukturen, Ziele und Gesichter dieser Netzwerke offen zu legen, die Verbindungen untereinander und die Funktionen einzelner Gruppierungen aufzudecken, bei Sportler*innen, Funktionär*in, Promoter*innen, Streaming-Portalen, TV-Sendern, Communities, der Presse und den Fans ein Bewusstsein zu schaffen, auf dessen Grundlage erkannt und gehandelt werden kann. Und immer wieder geht es auch darum, über das enorme Gewaltpotential dieser Szene und ihrer Verbindungen und Verstrickungen in Politik, Sport und Zivilgesellschaft aufzuklären. Wir wollen allen, die den Kampfsport lieben, ganz egal ob Boxsport oder Mixed Martial Arts, diese Seite ans Herz legen, denn Aufklärung ist der erste Schritt, um gegen die aufstehen und angehen zu können, die den Kampfsport und unsere Gesellschaft vergiften. Sei es im Ring, im Gym, beim Bäcker oder auf Arbeit.

(JF)

Hier drei Dokumentationen zum Thema:

Die Sendung “Kontrovers” vom Bayrischen Rundfunk über ein weiteres Beispiel von angeblicher Unwissenheit in der MMA-Szene. Es sind ja eigentlich immer “ganz nette” Jungs, gehören dann aber zur rechten Bürgerwehr “Soldiers of Odin”.

Die ARD-Sendung Monitor über den Kampf der Nibelungen und die rechte Kampfsportszene (Juni 2019):

Sport als ‘Mittel zum Zweck’ für die Arbeitsgruppe “Körper & Geist” der rechten Partei “Der 3. Weg”, die sich gezielt an Kinder und Jugendliche richtet (August 2019, Erstausstrahlung Oktober 2018):

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