Tapetenwechsel in die Rauhfaser: Nach Novi Sad, Serbien. Balkan Boxing Prolog

Wikipedia sagt: “Novi Sad ist die zweitgrößte Stadt in Serbien, die Hauptstadt der Vojvodina und administratives Zentrum des Okrugs Južna Bačka.” Mein ältester Freund, ein Stuttgarter Serbe, will noch schauen, was die Verwandtschaft dort hergibt. Gut möglich, dass ein Cousin dort lebt und als Journalist arbeitet. Zumindest fielen im Zusammenhang von Stadtentwicklung, Bevölkerungssturktur und urbaner Attitude die Begriffe “schön”, “jung” und “aufstrebend”. Klingt gut. Passt zum Projekt.

Um ehrlich zu sein: Als ich hörte, das Trainingscamp werde in Novi Sad stattfinden und als immer klarer wurde, dass ich ebenfalls einen Direktflug Berlin – Novi Sad von Air Serbia besteigen würde, kombinierte der sonst so chromatische Verstand meiner zuweilen gefälligen Gedankenstruktur, eine Realität, die Krieg und Winter beinhaltete. Wir reden hier von einem Bruchteil einer Sekunde. Aber soviel Ehrlichkeit muss sein. Das sind Verzerrungen, die der Krieg auf dem Balkan und eine Encoulturation zu Zeiten einer deutschen Teilung hervorrufen können. Mit Realität hat das nichts zu tun. Mit Popkultur noch weniger. Wenn sie serbische Popkultur wollen, dann empfehle ich mal den Film Parada. Die Wahrheit über Novi Sad zeigt dieser kleine Youtube-Film:

Ich bin großgeworden mit vielen Freunden aus Serbien oder Kroatien. In Stuttgart nichts ungewöhnliches. Jugoslawische Restaurants und Tennistrainer waren konkreter Teil meiner Kindheit und Jugend. Und da ist der Link in die Gegenwart und zu Novi Sad, zum bevorstehenden Trainingscamp von Jan Meiser: Rauh und hart muss es sein. Nicht gefällig, sondern fordernd. Ein Tapetenwechsel in die Rauhfaser. Back to basic. Raus aus Berlin und mit vollem Bewusstsein und ganzer Konzentration rein in den Tunnel eines Trainingscamps. Keine Kumpels. Keine Freundin. Kein Kino. Kein Durch-die-Hood-cruisen. Keine Presse- oder Sponsorentermine. Und vielleicht auch kein deutscher Hip Hop von KontraK oder Capital, der aus den Boxen dröhnt, sondern Turbofolk, Balkan Pop oder Scooter. man weiß es nie. Es sind die Überraschungen, die das Salz im Protein-Shake sind. In Novi Sad warten laut Manager und mündlicher Überlieferung ein paar harte Jungs. Und diese harten Jungs wollen sehen, was so ein WBO-Youth-Champion aus Berlin drauf hat. In Novi Sad wartet auch Jan Meisers Boxstall-Kollege Nenad Pagonis auf uns. Der neunmalige Kickboxweltmeister wird mit Jan trainieren, Härte und Details rausarbeiten, den Kopf frei machen, die Ziele definieren. Pagonis ist in seiner Heimat Serbien ein Star. Vorbilder können nicht schaden. In ein paar Tagen geht es los. Auf an die schöne, blaue Donau!

Text: Johannes Finke
Bild: Bjoertvedt, Lizenz: CC BY-SA 3.0, RMX by DBB

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