Theater ohne Sicherheitsabstand

Die in Berlin lebende Philosophin und Theaterautorin Alexandra Keiner fand sich plötzlich in der ersten Reihe am Ring einer Boxnacht wieder.

Ich hatte bis November letzten Jahres noch nie einen Boxkampf gesehen. Da saß ich nun in der ersten Reihe auf einem Plastikstuhl und schaute aus drei Meter Entfernung schräg auf den Ring. Die Deckenbeleuchtung blendete mich und die Absperrung des Rings versperrte zum Teil meine Sicht. Ich dachte mir, dass ich auch gar nicht alles sehen muss, da ich die genauen Regeln eh nicht kenne, außer, dass wenn jemand zu Boden fällt und nicht innerhalb einer bestimmten Zeit wieder aufsteht, der Kampf vorbei ist. Was mich aber am meisten verunsicherte, war die unmittelbare Gewalt, die sich in den nächsten Minuten direkt vor mir ereignen sollte. Ich musste an Schlägereien in Kneipen oder auf der Straße denken und an das Gefühl, sich direkt in der Nähe davon zu befinden: das Adrenalin, die Orientierungslosigkeit und das Entsetzen über die unkontrollierte körperliche Gewalt. Ich beruhigte mich damit, dass – auch wenn es sich hier ebenfalls um körperliche Gewalt handelt – sie in einem sicheren Rahmen stattfindet, mit Regeln, Ritualen und dem Kodex des Kampfsports. Ich erwartete eine kontrollierte Gewalt.

Die gängige Sicht auf Gewalt ist, ähnlich wie bei der Sexualität, die eines Triebes, der die meiste Zeit verborgen bleibt, irgendwann aber ausgelebt werden muss.

Die gängige Sicht auf Gewalt ist, ähnlich wie bei der Sexualität, die eines Triebes, der die meiste Zeit verborgen bleibt, irgendwann aber ausgelebt werden muss. Die Rechnung lautet dabei: Je mehr der Trieb unterdrückt wird, desto unkontrollierter und extremer ihr Ausbruch. Die kontrollierte Gewalt im Rahmen des Kampfsports wird deshalb gerne als therapeutische Maßnahme gegen die triebgesteuerte Aggression angesehen. Man kann die Gewalt ausleben, so dass der unkontrollierte Ausbruch ausbleibt. Kampfsport als Gewalt gegen Gewalt. Das Boxen mäßigt den Gewalttrieb, stärkt die Identität der KämpferInnen und befriedigt gleichzeitig unsere Neugier und Faszination des Publikums für das Unterdrückte, Verborgene, Unkontrollierte. Das scheint die Grenze des Verständnisses von Körpern und körperliche Gewalt zu sein. Nach diesem Verständnis ist Boxen eine Art kultivierte Kneipenschlägerei.

Camp P1, Hellersdorf, 04.03.2017, Foto: VOGEL/katjavogel.net
Camp P1, Hellersdorf, 04.03.2017, Foto: VOGEL/katjavogel.net

Wer schon mal einen Boxkampf gesehen hat, weiß aber, dass die Spielregeln nicht zwangsläufig dazu führen, dass der Kampf weniger gewalttätig und irgendwie übersichtlicher wird. Sowohl für die Kneipenschlägerei als auch für einen Boxkampf gilt: Man muss schon ziemlich hart sein, um so viel Realität ertragen zu können. Doch ist die Realität des Boxkampfes eine andere: Er gleicht vielmehr einer Theatervorführung auf einer Bühne und mit einem Skript, das beim Boxen die Spielregeln geschrieben haben. Die Realität der Gewalt wird durchbrochen von ihrer eigenen Inszenierung, dem Spiel mit ihr und der Darbietung vor einem Publikum.

Sowohl für die Kneipenschlägerei als auch für einen Boxkampf gilt: Man muss schon ziemlich hart sein, um so viel Realität ertragen zu können.

Zwei Menschen stehen sich gegenüber, ihre Köper sind angespannt und die Blicke fixiert. Das Ziel ist den anderen Körper zu treffen, einen Zugriff auf ihn zu haben, ihn zu verletzen. Sobald der Schiedsrichter den Kampf eröffnet, gehen die Körper aufeinander los. Sie wiegen leicht auf dem weichen Boden des Rings, der bei jedem Schritt leicht nachgibt und ein dumpfes Geräusch erzeugt, sobald einer zu Boden fällt. Ab und an fallen die Körper in die Seile des Rings, die sie auffangen, nachgeben und nach außen ragen. Alles ist sanft, keine harten Kanten, die gepolsterten Handschuhe rutschen an der eingefetteten Haut. Es gibt keine Haftung, der Moment wird nicht greifbar.

Und doch sind die Schläge, das Aufprallen auf den Körper nicht sanft oder gespielt – sie sind brutal und real. Innerhalb weniger Minuten hinterlassen sie Erschöpfung und Verletzungen, die im nächsten Moment auch nicht wieder verschwinden. Die Inszenierung der Gewalt erzeugt so eine eigene Realität, die mit der Kneipenschlägerei nichts mehr gemein hat. Anstatt alles um sich herum zu vereinnahmen, findet die Gewalt nur zwischen zwei Körpern statt und wird nach jeder Berührung von den Spielregeln ihrer Inszenierung wieder unterbrochen. Diese neu geschaffene Realität verweist also nicht auf irgendeine Gewalt außerhalb dieses Rahmens. Es ist eine Welt nur für diejenigen, die sie bewohnen: die der KämpferInnen und des Publikums.

Das Faszinierende an dem Boxkampf ist also nicht das Offenlegen oder Enthüllen des Gewalttriebes, sondern die Neuerfindung von Gewaltformen, die innerhalb des Ringes entstehen und beim Verlassen dessen wieder verschwinden. Ein Theaterstück ohne Sicherheitsabstand zwischen der Realität von Gewalt und ihrer Fiktion.

Alex

Photos: Katja Vogel (sw), BANDEVONZWEI (Portrait)

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