Wenn eine eine Reise macht. Verena Kaiser im Interview nach ihrem Kampf gegen die Schwedin Mikaela Laurén

Vergangenen Samstag stand Verena Kaiser (10/0) im schwedischen Sundsvall der 42 Jahre alten und erfahrenen Mikaela Laurén (29/5) gegenüber. Verena Kaiser, die für diesen Kampf zwei Gewichtsklassen aufstieg, lieferte der größeren Laurén einen starken Fight und unterlag letztendlich nach einem knappen Punktentscheid (97-93, 96-94, 95-95).

Verena, erst einmal Glückwunsch zu deiner Leistung vergangenen Samstag bei deinem Kampf gegen Mikaela Lauren im schwedischen Sundsvall. Bist du einverstanden mit der Punktewertung und deiner Niederlage?

Vielen Dank. Ja, ich hatte das Gefühl sie hat mehr Treffer gesetzt. Darum gönne ich ihr den Sieg und finde das Urteil angenessen. Unter gegebenen Umständen kann ich mich mit der ersten offiziellen Niederlage arrangieren.

Photo Jorge Jonsson

Wie war dein Matchplan und was hättest du rückblickend im Kampf anders machen können?

Geplant hatte ich, den konstitutionellen biomechanischen Unterschied zu nutzen. Sie ist größer und schwerer, schlägt lediglich schnelle Jabs und legt Kraft in die Rechte. Ich wollte mich auf körpertreffer und meine Geschicklichkeit konzentrieren. Ich lerne das Boxen gerade völlig neu, man sieht es an meinem Gesicht. Nach dem Kampf hatte ich nur minimale Blessuren, was ich dem neuen Training verdanke. Das alles nach nur zwei Monaten umzusetzen, und dann auch noch gegen eine so erfahrene Gegnerin, war schwierig und gelang mir nicht so gut. Ihre Schläge empfand ich nicht hart und wich ihnen vielleicht daher zu selten aus, oder war in der Umsetzung meiner neuen Fähigkeiten noch nicht gefestigt genug. So ließ ich mich öfter auf eine Prügelei ein als ich vor hatte. Das würde ich anders machen.

Photo: Team Sauerland

Wie hast du die Atmosphäre in der Halle, das schwedische Publikum erlebt?

Das Publikum bewirkte eine großartige Stimmung. Sie schienen sehr aufgeregt, als erst ich, dann meine Gegnerin, die Halle betraten. Ich wurde laut begrüßt und bejubelt, Mikaela noch viel lauter. Ich glaube sie bekamen die Spannung die sie sich für das Duell wünschen.

Du bist für diesen Kampf zwei Gewichtsklassen aufgestiegen und hast gegen eine deutlich größere Boxerin gekämpft. Warum bist du dieses Risiko eingegangen?

Stimmt. Leicht- und Superleichtgewicht sind eigentlich meine Gewichtsklassen. Ich hatte einen schmückenden zu-null-Rekord. 2-3 Klassen hoch zu gehen war riskant und dessen war ich mir völlig bewusst. Als der Kampf angeboten wurde, sagte ich ab, da Mikaela partu nicht wieder ins Weltergewicht wollte. Superwelter war mir zu schwer. Doch der Gedanke an den möglichen Kampf, an die satten Treffer die ich landen kann und die damit verbundene Chance ließ mich nachts nicht schlafen. Mikaela nähert sich mittlerweile dem Ende ihrer Karriere. Mit dem neuen Team, solide wie ich es noch nie hatte, erkannte ich meine Möglichkeit. Gesagt – getan. Ich wollte den Kampf unbedingt. Das Drumherum war alles nicht wichtig.

Wie kam der Kampf und die Zusammenarbeit mit Sauerland zustande?

Ich wurde gefragt weil eine Gegnerin für ihren Kampf noch nicht fest stand. David Boskovic übernimmt meine Gespräche, er sagte auf meinen Wunsch hin zu.

Photo Jorge Jonsson

Der Kampf wurde bei Sport 1 übertragen. Wie bist du in der Fernsehboxfamilie aufgenommen worden und waren die Reaktionen auf deinen Kampf?

Ich hatte das Gefühl, das Sport 1 Team freute sich über meine Entscheidung zu boxen und hätte mir bestimmt auch den Sieg gewünscht. Ich habe das Kennenlernen sehr positiv erlebt. Auch die Reaktionen zeigten, dass man mir zumutet, mich weit zu entwickeln. Aber definitiv in einer passenderen Gewichtsklasse.

Was hatte es mit dem Schokoladenherz auf sich, dass du Lauren beim Head-To-Head überreicht hast?

Ich bin Sportlerin. Mich interessiert die Qualität meiner Leistung, darum will ich boxen. Es dreht sich für mich nicht um Gewalt, Aggressionen, witzhafte Einschüchterung und hochgestapelte Show. Mikaela war dafür gefürchtet. Ich fand sie dafür amüsant und irgendwie sympathisch. Sie wusste überhaupt nicht, was sie erwartet. Weder in Hinblick auf meine Fähigkeiten, das sagten uns sie und ihr Team im Anschluss, noch in Bezug auf mich. Ich hatte Vergnügen daran, sie mit meiner Herzlichkeit, im wahrsten Sinne, zu überraschen. Ich wollte ihr einfach was schenken, zum Trotz oder wenn es ihr letzter Kampf wäre, doch den Sieg wollte ich bedingungslos für mich. Leider gelang mir das an diesem Abend nicht. Diese merkwürdigen Shows auf der Waage, die sich weltweit kaum toppen können, sollen im Vorfeld erklären, wer stärker ist. Allerdings verhalten die Sportler sich anders als es ihnen entspricht, womit gar nichts erklärt ist. Haben wir nicht gerade im Boxsport so interessante und mutige Persönlichkeiten, die aufgrund ihrer Hoffnung auf den Sieg alles im Kampf geben? Und sind nicht manchmal die Ruhigen diejenigen, die die größten Wünsche in sich tragen? Ich freute mich auf sie im Kampf, das hab ich ihr auf einem Herz bescheinigt und ihr dann im Ring die Nase gebrochen. Sie auf der Waage der Show wegen zu beleidigen entspräche nicht meiner Art.

David Boskovic ist seit knapp einem halben Jahr dein neuer Lebensgefährte und zugleich Manager. Was hat sich seit dem für dich verändert?

David und ich greifen perfekt ineinander, darüber bin ich sehr dankbar. Wir lernten uns kennen aufgrund der gleichen Ambition, dem hochwertigen Boxsport mit eigen Beiträgen etwas zu geben. Das macht die Liebe zum fantastischen Sportsport, die wir teilen. Wir teilen auch noch viel mehr miteinander, das ist natürlich privat. David ist großartig, zeigt Fairness gegenüber unseren Partnern und Verlässlichkeit. Er weiß genau, wovon er spricht und besitzt eine klare fundierte Meinung. In dieser Kooperation von Boskovic Boxing und mir kommt niemand zu kurz. Wir bieten das, was wir uns auch wünschen würden, um darauf guten Boxsport aufzubauen. Mit guter Resonanz! Trainiert werde ich mittlerweile von Walter Knieps. Ich habe selten so viel Kompetenz in einer Person gesehen. Wir verstehen uns alle drei richtig gut.

Sieg trotz Niederlage Es war ein harter Kampf. Auswärts anzutreten alleine erfordert Größe. Sich dabei einer so erfahrenen Gegnerin zu stellen die seit Jahren in der Weltspitze des Frauenboxens etabliert ist zeigte Mut und vor allem unsere Ambitionen. Ehrlicher Sport auf Augenhöhe. Mikaela krönte sich am Samstag zum 6ten mal zur Weltmeisterin. Wir, das Team um Verena Kaiser kehren erhobenen Hauptes aus Schweden zurück. Wir haben ein Statement gesetzt. Verena, die eigentlich 2 Gewichtsklassen tiefer antritt, hat eine bärenstarke Leistung gezeigt die ihr nur die wenigsten zugetraut haben, am aller wenigsten das Team um Mikaela Laurén, das sagte uns ihr Trainer direkt nach dem Kampf in der Kabine. Verena, wir sind stolz auf Dich! Wir werden weiter machen, das Ende ist noch lange nicht erreicht! #goldenezukunft #teamkaiser @kaiser.verena @boskovicboxing @paffensportboxing @boxsportclub

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Du hast dich letztes Jahr zu Recht beklagt, wie teilweise Kämpfe im Frauenboxen zustande kommen und dass es in Deutschland leider nicht immer professionell zugeht. Hast du das Gefühl mit diesem Kampf und dieser Präsenz zumindest für dich daran etwas ändern zu können bzw. merkst du bereits etwas?

Ja, auch das Sport 1 Team zeigte mir subtil, dass aufregende Matches sind, was wir alle brauchen und Wünschen. Besonders im Frauenboxen. Ich bekam hunderte von Nachrichten und eine große, ausschließlich positive Resonanz. Die Frage nach meiner Zufriedenheit in dieser Hinsicht ist die richtige. Wir brauchen kompetente Akteure in allen Bereichen. Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit. Ich beklagte mich nicht über jegliches deutsches Frauenboxen, das wäre zu pauschal. Ich hatte einfach kein Team, das ernsthaft kooeriert. Das hat mich gestört, viel Verzweiflung und Ärger gekostet, doch war die Entscheidung sich für die richtigen Partner frei zu halten die beste. Ich blieb mir treu. Wir brauchen eine clevere neue Generation, die Erfahrungen machen darf und das bestmögliche Produkt, nämlich aufregenden Boxsport, anstrebt. Und dabei den alten Hasen gut zuhört! Diese Perspektive zu geben und zu unterstützen ist mir wichtig.

Wie geht es weiter? Du gehst wieder ein, zwei Gewichtsklassen runter und holst dir einen WM-Gürtel?

Darauf kannst du wetten, vorher höre ich nicht auf zu trainieren. Und hinterher garantiert auch nicht. Ich freue mich auf attraktive Angebote, mein Weg soll zu den ganz großen Gürtel führen. Erst einmal finde ich mich auf der Deutschen Sporthochschule Köln ein, zu der ich seit diesem Sommersemester wechselte. Ich bin sehr dankbar um die Hilfe mit meiner dualen Karriere hier, ohne das geht es nicht. Das Umfeld bietet mir perfekte Voraussetzungen, eine immer bessere Boxerin zu werden. Ich fühle mich rundum wohl hier und freue mich auf die nächsten Herausforderungen.

Hier gibt es einen Zusammenschnitt des Kampfes bei Sport1 zu sehen.

(JF/ Beitragsbild: Team Sauerland)

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