Heute könnt ihr Zeugen sein … wenn das deutsche Profiboxen sich wieder etwas näher kommt

Heute, am Samstag, den 16. Juli 2016, geht es in der Berliner Max-Schmeling-Halle um den Weltmeistergürtel im Supermittelgewicht nach Version der WBA. Der Berliner Tyron Zeuge (18-0, 10 KOs) trifft im Ring auf den Italiener Giovanni De Carolis (24-6, 12 KOs) und kann dabei der jüngste deutsche Boxweltmeister aller Zeiten werden. Es geht also um das historische Moment, das medial und seitens der Promotion gerne heraufbeschworen wird, das aber eben nun einmal auch da ist. Zeuge kann es egal sein. Der gebürtige Berliner ist ein excellenter Boxer, technisch versiert, klug, konditionell stark und physisch voll im Saft. Der Kampf heute jedoch ist auch für ihn etwas neues: Hauptkampf, Fernsehen, Weltmeisterschaft.

Doch Zeuge könnte heute quasi eine neue Ära einleiten und zeigen, dass es in Berlin und Deutschland eine neue Generation an Boxern gibt, die vielleicht wieder in der Lage sind, die Zuschauer in die Hallen zu holen und am Fernseher oder vor dem Rechner in ihren Bann zu ziehen. Boxer, die dem Profiboxen hierzulande neue Gesichter geben und einen neuen Anstrich verpassen können. Vielleicht sehen wir dann künftig wieder mehr Kämpfe auf internationalem und sportlich relevanterem Niveau. Mehr transatlantische Duelle. Mehr Kämpfe konkurrierender Boxphilosophien. Mehr Mut bei der Auswahl der Gegner und bei der Karriereplanung. Weniger Taktieren beim Zusammenstellen von Fightcards. Mehr Vernetzung und Nähe zum Zuschauer und zu den Fans. Mehr Identifikation mit den Protagonisten. Mehr Nähe. Natürlich bleibt es weiterhin wichtig Narrative für die klassischen Medien, die Sportpresse und die sozialen Netzwerke zu konstruieren. Denn die Show gehört beim Profiboxen nunmal dazu.

Doch zu selten konnten sich zuletzt deutsche Boxfans mit Boxern identifizieren. Zu beliebig wurden irgendwann die Kampfkonstellationen der immer gleichen Protagonisten. Zu unergiebig waren die zu erzählenden Geschichten. Zu wenig Charisma, das den einen oder anderen aus der vermeintlichen Masse an Weltklasseboxern in Deutschland hervorgehoben hätte. Vielleicht wird sich das mit Boxern wie Tyron Zeuge oder Jan Meiser, die verortbar und authentisch und in einem Umfeld aus Sport, Stadt, Straße, Jugend- und Popkultur eingebettet sind und durch all das und ihre eigene Ausstrahlung nicht nur über den Boxsport Vorbild, Star und Identifikationsfigur sein können, sondern auch eine persönliche Geschichte erzählen, mit der sich auch eine neue Generation von Boxfans, deren individuellen Boxphilosophien sich identifizieren können, verändern.

Tyron Zeuge kann heute einen großen Schritt auf dem Weg dahin machen. Musikalisch wird er von dem ebenfalls in Berlin geborenen und lebenden Rapper Kontra K in den Ring begleitet. Kontra K ist Kampfsport nicht fremd. Er kennt den Schmerz. Macht Sparring. Er und Zeuge sind befreundet. Kontra K liefert den Soundtrack zu Trainingseinheiten und Kontra K weiß wie es ist, sich nach Oben zu kämpfen, kennt das Gefühl die Nummer Eins zu sein: Sein neues Album “Labyrinth” schaffte es vor kurzem an die Spitze der deutschen Charts. Heute werden beide ein Heimspiel haben. Das Berliner Publikum wird brennen. Ich wage mal zu tippen, dass der Weltmeistergürtel nach dieser Nacht in Berlin bleibt. Ich würde sogar darauf wetten. Ich glaube ich wette darauf. Und dann stellt sich die Frage, wie es weitergeht, was die Karrierearchitekten bei Sauerland für Szenarien im Kopf haben, was für Versprechen, Absprachen oder Gefallen anstehen. Doch auch bei Sauerland ist eine starke Tendenz zur Suche nach neuer sportlicher Relevanz, nach Authentizität und nach neuen Zielgruppen auszumachen, auch wenn sich noch viel über die Optionen definiert, die im eigenen Boxstall bereitstehen.

Der morgen wahrscheinlich jüngste deutsche Weltmeister aller Zeiten im Profiboxen: Tyron Zeuge aus Berlin (Photo Credit: Sauerland Promotion)
Der morgen wahrscheinlich jüngste deutsche Weltmeister im Profiboxen aller Zeiten: Tyron Zeuge aus Berlin (Photo Credit: Sauerland Promotion)

Zeuge ist nach Vincent Feigenbutz der zweite junge Boxer, den das Team Sauerland mit der Aufgabe betraut jüngster deutscher Weltmeister aller Zeiten zu werden. Und wie bei Feigenbutz geht es für Tyron Zeuge heute gegen den erfahrenen und cleveren Giovanni De Carolis. Kalle Sauerland weiß, dass zu einem Kampf eine Geschichte und besser noch zwei gehören und in diesem Fall war das Motto des heutigen Abends wahrscheinlich schnell klar: “Making history”. Und das Jonglieren mit aufladenden Motiven wie Revanche oder Korrektur gehört zum im Business üblichen Geklapper.

Doch das mediale Interesse an und die Vorfreude der Boxfans auf die heutige Boxnight in Berlin ist nicht nur dank Zeuge groß, auch Artur Abraham (44-5, 29 KOs) steigt nach seinem unverständlich einfallslosen Auftritt in Las Vegas und dem Verlust seines Gürtels wieder in den Ring und trifft auf Tim-Robin Lihaug (15-1, 8 KOs), den zur Zeit besten Boxer Norwegens. Abraham muss und will hoffentlich heute allen zeigen, dass er sich nicht durch Niederlagen und Rückschläge definiert, sondern durch Siege. Zudem ist die Max-Schmeling-Halle für ihn so etwas wie für Boris Becker der Centre-Court in Wimbledon. Auch Abraham kann sich der lautstarken Unterstützung der Berliner Boxfans sicher sein und er wird sie brauchen: Für King Artur geht es gegen Lihaug morgen um viel. Bei einer Niederlage wäre es wohl vorbei mit dem Traum von einer weiteren Weltmeisterschaft. Doch wenn man den Werdegang von Artur Abraham verfolgt hat, könnte man geneigt sein zu glauben, dass dieser Boxer jetzt vor den zwei, drei besten Kämpfen seiner Karriere stehen könnte und diese vielleicht erst jetzt krönt. Denn ohne Zweifel hat Abraham nach wie vor das Talent und das Potential ganz oben mitzumischen. Die Kombination aus kompakter Deckung, Geduld, klug dosierter, konsequent und gezielt eingesetzter Durchschlagskraft und der immer größer werdenden Erfahrung, macht einen gut eingestellten Artur Abraham in Hochform für jeden Gegner zu einem nicht kalkulierbaren Risiko.

Freuen wir uns also auf einen spannenden Abend, an dem u.a. auch noch die aktuelle WBO-Weltmeisterin im Superfedergewicht, Ramona Kuehne aus Rangsdorf,in der Max-Schmeling eine Gewichtsklasse höher gegen die von Sven Ottke trainierte Wahlberlinerin Ikram Kerwat um den WBA International Titel im Leichtgewicht (bis 61,2 Kg) antritt. Ring frei!

Die Kämpfe werden live Bei Sat1 übertragen. Den Livestream gibt es hier

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